Liebe in Zeiten von Corona – Folge#6 Eine neue Art mich selbst zu lieben

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Folge #6 - Eine neue Art mich selbst zu lieben

- Marie

 

Die schwierigste Beziehung, die ich gerade führe, ist wohl die zu mir selbst. Ehrlicherweise ist sie das eigentlich immer. Aber Corona stellt auch diese Beziehung - wie auch die zu andere Menschen-  auf eine ganz neue Probe. 

Zu Beginn der Krise wurden alle meine Aufträge abgesagt oder in eine unbekannt weit entfernte Zukunft verschoben.


Während ich Mitte März an einem Donnerstag und Freitag noch einen Workshop gegeben habe, den niemand auch nur ansatzweise in Frage gestellt hat, stand ich am darauffolgenden Montag komplett ohne Arbeit dar. 


Dass mir meine Arbeit wichtig ist und mich mit Sinn erfüllt, wusste ich bereits. Aber in diesem Moment habe ich wirklich zum ersten Mal gemerkt, wie sehr ich mich selbst über meine Arbeit definiere, was für einen großen Teil meiner Identität und meines Selbstwert dieser Teil in meinem Leben ausmacht.

Um mich herum schienen viele Menschen die Zwangsentschleunigung zu genießen. 

Aufatmen, da der Druck wegfällt, überfall dabei sein zu müssen.

Sich freuen, endlich im Homeoffice zu arbeiten oder Zeit für lang aufgeschobene Projekte zu haben. 

Und ich?

Ich war am Boden zerstört. 


Wörtlich. Es gab Momente da lag ich auf dem Boden und habe mich gefragt wie es nur weitergehen soll. 


Mir ist es fast peinlich das zuzugeben. Denn 1. hat es so viele Menschen viel, viel schlimmer getroffen als mich und 2. haben so viele andere Menschen sofort agil, innovativ und dynamisch auf die Krise reagiert und sind mit coolen Online-Angeboten an den Start gegangen oder Nähen jetzt eben Masken wie verrückt.

Und ich? Ich liege am Boden und bemitleide mich selbst. Mehr denn je wird mir klar: Meinen Wert als Mensche messe ich immer noch vor allem daran, was ich am Ende eines Tages geschafft, bewirkt und erreicht habe. Und selbst in dieser total unverschuldeten Auszeit will das Leistungshamsterrad in mir einfach nicht still stehen. 

In den ersten beiden Wochen schaffe ich es nur durch den Tag, in dem ich ausschließlich das mache, worauf ich gerade Lust habe,  was sich gerade in dem Moment gut und leicht (oder leichter als anderes) anfühlt. Ich gehe also enorm viel spazieren oder joggen, schreibe, koche, atme, telefoniere, weine, schlafe. In den wenigen Momenten, in denen ich mich konzentrieren kann, versuche ich herauszufinden, was ich jetzt tun kann, was mir vielleicht an Hilfen vom Staat zusteht, wie es weitergehen kann. Mit der Zeit merke ich, dieses neue Verhältnis von bedingungsloser Selfcare und fokussierter Arbeit, erfüllt unerwarteter Weise etwas in mir - den langgehegten Wunsch mein Wohlbefinden mehr zu priorisieren und gut für mich zu sorgen.

 

Der Ausnahmezustand verlangt mir etwas ab, womit ich mein ganzes Leben schon hadere: Selbstliebe.

 

Und damit meine ich nicht die Art von Selbstliebe, die man sich mit Hilfe von Instagram-Affirmationen ins Hirn rein hypnotisiert - à la “Every body is a bikini body” (das stimmt natürlich, aber ist hier nicht der springende Punkt) - sondern die Art, die einem gebietet, aus allen vorhandenen Handlungsoptionen das zu wählen, was einem Energie gibt anstelle sie einem zu rauben.

Die Art, die einem signalisiert, wenn ein tolles Projekt, ein spannendes Angebot oder eine neue Möglichkeit nicht automatisch mit Begeisterung und Tatendrang angenommen werden muss, sondern man erstmal überlegen oder eben auch “Nein” dazu sagen kann.

Die Art, die starken Gefühlen Platz macht und gleichzeitig dafür sorgt, dass man daran nicht zugrunde geht.

Und die Art, die einen spüren lässt, was wirklich wichtig ist. 

Wie jede Liebesbeziehung ist auch die zu uns selbst nicht immer einfach und harmonisch.

Manchmal konkurrieren unterschiedliche Interessen miteinander, es kommt zu inneren Meinungsverschiedenheiten oder sogar zum viel beschriebenen inneren Konflikt.

Manchmal ist man traurig, verletzt, wütend über sich selbst - genauso wie in jeder anderen Beziehung eben auch. 

Und manchmal - so wie ich gerade die Erfahrung gemacht hab - gibt es einen Teil in uns, der für uns sorgt. Der aus purer Liebe handelt. Der möchte, dass es uns gut geht, dass wir kraftvoll durchs Leben gehen und mit unserer Essenz und all unserer Energie am Leben teilhaben können. 

So wie ich nach 15 Jahren Dating, 6 Jahren Beziehung und 1 Jahr Ehe die Liebe zu anderen noch nicht voll und ganz verstanden habe, so verstehe ich die Liebe zu mir auch nach fast 30 Jahren immer noch nicht wirklich.

 

Und trotzdem hat mir diese Krise einen neuen Einblick gegeben, darin, was es heißt mich selbst zu lieben. Für mich selbst zu sorgen. Die Person zu sein, die hält und gehalten wird zugleich. 


Wie jede Beziehung kostet es manchmal Kraft.

Manchmal schenkt es unendliches Glück.

Und manchmal ist es auch einfach nur schön, geliebt zu werden. 

Wir bleiben zuhause...

...mit anderen Menschen oder  auch allein. Was macht das mit uns? Mit unserer Liebe, unseren Beziehungen, unseren Freundschaften?  Wie steht es um Sex in Quarantäne, Dating auf Distanz, Flirten nur noch digital? Absofort jeden Abend Dinner for One oder nur noch Pärchenabend?

Wir - Cosima und Marie - schreiben unter dem Titel “Liebe in Zeiten von Corona” darüber, was wir und andere durch Quarantäne, Kontaktbeschränkung und Social Distancing mit Partner*innen, Familie, Freunden*innen, Affären, Liebhaber*innen und Flirts erleben. Wir wollen über die Herausforderungen reflektieren, Sehnsüchte erkunden, Sorgen teilen, Momente der Isolationsromantik feiern und am Ende auch ein bisschen über uns und den ganz normalen Alltagswahnsinn lachen. 

Die Kolumne erscheint nach dieser Folge jede Woche Mittwochs auf cusilife.

 
 

Cosima studiert Philosophie und schreibt auf ihrem Blog cusillife über (Selbst-)Liebe und Polyamorie. Marie ist Psychologin und arbeitet als freiberufliche Prozessbegleiterin und Organisationsentwicklerin. Trotz ihrer 5,5 Jahre Altersunterschied haben sie sich früher als Zwillinge in Clubs rein geschmuggelt. Jetzt schreiben sie gemeinsam über die Liebe in Zeiten von Corona.

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