Folge #5: Was nützt die Liebe in Gedanken?

- Cosima 

 

Ich sitze vor dem Rechner und schaue auf das Gesicht meiner Freundin Anne. Ursprünglich aus München, studiert jetzt in Aachen.  Wir haben uns zum digitalen Kaffee trinken verabredet, da unser für Anfang April geplantes Mädelswochenende leider aufgrund der aktuellen Lage ausgefallen ist. Trotzdem wollen wir uns natürlich auf dem Laufenden halten, Freuden und Sorgen auch in dieser verrückten Zeit teilen. Daher frage ich irgendwann auch:

 

“Und was macht die Liebe so?”
Ihr breites Grinsen und leicht geröteten Wangen verraten mir sofort

-es gibt etwas zu erzählen. 


Kurz bevor wir alle in den kollektiven Hausarrest gesteckt wurden (also eigentlich nur die, deren Jobs von zu Hause erledigt werden können oder nicht systemrelevant sind) hatte sie einen wirklich vielversprechendes Tinder-Match: Julius. Sie waren sofort auf einer Wellenlänge und auf dem besten Weg, dass aus einem lustigem, flirty virtuellen Gespräch in den nächsten Tagen ein lustiges, flirty analoges Treffen und vielleicht mehr wird. 

Dann ruft die Mutti der Nation zur Vernunft auf, hält alle an zu Hause zu bleiben und den Kontakt doch bitte auf ein Minimum zu beschränken. Das ist erstmal bitter. Die ersten Tage herrscht bei allen Beteiligten noch Verunsicherung: Ist es jetzt noch okay sich zu treffen oder nicht? Wie sieht das das Gegenüber? Bei ihr und ihrem Match war schnell klar, bis zu einem persönlichen Treffen müssen sie sich wohl noch gedulden. 

Und nun?

Funkstille bis Mutti sie wieder raus zum Spielen lässt?

In Anne's Fall, nein. Es wird freundlich digital weiter geplaudert, gemeinsam bedauert, dass ein Treffen in eine unbestimmt weit entfernte Zukunft verschoben ist, sich die Absicht bekundet, dass man sich immer noch treffen will und dann die ersten Ideen ausgetauscht, was man denn bei einem solchen Treffen anstellen könnte. Und eh sie sich’s versieht, steckt sie jetzt mittendrin in einer sexy Brieffreundschaften. Bei den Briefen handelt es sich ehrlicherweise um What’sApp-Nachrichten. Aber immerhin. Da sie bisher Menschen, die ihr sympathisch waren - on- oder offline -  immer ziemlich direkt um ein Treffen gebeten hat, betritt sie damit völliges Neuland, gesteht sie mir. Ein Land voller Andeutungen, schriftlich ausgelebter Fantasien, sexy Gif’s und Selfies in Unterwäsche auf denen sie sich verrenkt, damit ihr Gesicht nicht, ihr Arsch aber gut zu sehen ist. 

Da stoppt sie kurz ihre Erzählung und schaut etwas verschmitzt, so als überlegte sie, ob sie mir das nächste Detail verraten mag. Sie lässt sich hinreißen und gibt zu: erotische Literatur habe bei ihr gerade Hochkonjunktur und ihre erste Kurzgeschichte hat sie auch schon als Mini-Hörbuch eingelesen und versandt. 

Es ist aufregend, lebendig, überraschend kreativ, macht Spaß und die Zeit zu Hause erträglicher. 

Aber da ist natürlich auch Frust.

Frust darüber, die aufregenden Fantasien nicht ausleben zu können. Frust darüber, die Wärme, die Haut, den Schweiß und, was sonst noch so involviert ist, nicht tatsächlich spüren zu können. Frust darüber, nicht zu wissen, wann man sich endlich wirklich treffen können wird. Und Frust, über die ständige Unsicherheit, ob man den Kontakt wird halten können.

Und über all dem immer die Frage:

Was nützt sie - die Liebe in Gedanken?

Wir bleiben zuhause...

...mit anderen Menschen oder  auch allein. Was macht das mit uns? Mit unserer Liebe, unseren Beziehungen, unseren Freundschaften?  Wie steht es um Sex in Quarantäne, Dating auf Distanz, Flirten nur noch digital? Absofort jeden Abend Dinner for One oder nur noch Pärchenabend?

Wir - Cosima und Marie - schreiben unter dem Titel “Liebe in Zeiten von Corona” darüber, was wir und andere durch Quarantäne, Kontaktbeschränkung und Social Distancing mit Partner*innen, Familie, Freunden*innen, Affären, Liebhaber*innen und Flirts erleben. Wir wollen über die Herausforderungen reflektieren, Sehnsüchte erkunden, Sorgen teilen, Momente der Isolationsromantik feiern und am Ende auch ein bisschen über uns und den ganz normalen Alltagswahnsinn lachen. 

Die Kolumne erscheint jede Woche Mittwoch und Sonntag auf cusilife.

 
 

Cosima studiert Philosophie und schreibt auf ihrem Blog cusillife über (Selbst-)Liebe und Polyamorie. Marie ist Psychologin und arbeitet als freiberufliche Prozessbegleiterin und Organisationsentwicklerin. Trotz ihrer 5,5 Jahre Altersunterschied haben sie sich früher als Zwillinge in Clubs rein geschmuggelt. Jetzt schreiben sie gemeinsam über die Liebe in Zeiten von Corona.

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