Die Kunst eine Schlampe zu sein – #noslutshaming

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Mit 16 wollte ich alles, nur eins nicht: als Schlampe gelten.
Heute umschlingt ein pinker Wollfaden mein Handgelenk mit den Buchstaben

S – L – U – T

als Anhänger.

I am a slut. And I love it!

 

Ich lebe polyamor und bin pansexuel. Ich habe mehrere Beziehungen und Lover*innen. Ich fühle mich frei und selbstbestimmt in meiner Sexualität (meistenst). Ich liebe meinen Körper und habe absolut keinen Bock mehr auf slutshaming.

Das wünsche ich mir für noch viel mehr Menschen, deswegen schwinge ich heute die Fahne der Sexpositivität.

Slutshaming bezeichnet, dass Verhalten, wenn Frauen für ihr Sexualität, ihr Aussehen angegriffen oder ihnen Schamgefühle eingeredet werden.

 

STOP SHAMING - START LOVING
YOURSELF

 

 

 

Als Teenager mit Pussy gibt es viele Gradwanderungen. Nicht zu dick, aber auch nicht zu dünn sein. Gute Noten schreiben, aber auf keinen Fall eine Streberin sein. Brüste wollen, aber ja nicht zu groß. Anders sein und doch noch dazugehören. Sich betrinken können, aber ohne zu kotzen. Jaja – die Jugend.

Eine dieser Grandwanderungen ist die zwischen dem Schlampentum und der Prüderie.

 

Sexy Bitch oder Nonne.

Einmal zu viel rumgeknutscht auf den letzten Partys und der Schlampenstempel lässt nicht lange auf sich warten. Auf Netflix schaue ich gerade die Serie "Atypical", wo es um einen Jungen geht, der auf dem Autistenspekrum ist. Er hat eine kleine Schwester. Cassy, so heißt das Mädchen aus der Serie, ist 16 und Mitten in der Pubertät. Während ich in meine Decke gewickelt im Bett liege, mit meinem Laptop auf dem Schoß, wurde ich an viele Dinge erinnert, die man so als Mädchen in der Pubertät erlebt. Ich konnte mich mit vielen Dingen identifizieren, die Cassy erlebt.  Die schönen Momente, wenn man total dankbar für seine Mädels ist. Die Welt irgendwie heil ist und man stundenlang kichert. Und an die vielen Struggles, Unsicherheiten und "ersten Male". Das erste Mal verliebt, der erste Kuss, das erste Mal Auto fahren, das erste Mal betrunken sein und das erste Mal...

Wie wir aufwachsen prägt uns. Aber wir sind nicht für immer darauf fest gelegt.

Ich schreibe auf dem Blog oft darüber, dass ich jetzt mehr so sein kann, wie ich bin und mich freier fühle als früher. Und ja, das tue ich. Aber das meiste meiner Pubertät war aufregend, lustig und schön. Und ich würde es nicht missen wollen.

 

Entwickeln, verändern, Erwachsen werden hört nach der Pubertät nicht auf.
Man kommt nicht als fertiger Mensch raus.

 

Junge Menschen auf dem Weg zum Erwachsen werden hören viele Nachrichten die ungesund, entmutigend und bevormundend sind. Was ich in verschiedenesten Variationen immer wieder höre: Jetzt (als junger Mensch) kann ich mir ja noch "so ein" Leben erlauben, aber wenn der Ernst des Lebens beginnt, geht das nicht mehr.
Was genau mit "so einem Leben" gemeint ist, weiß ich manchmal selbst nicht so genau.

Frei sein? Verliebt sein? Idealistisch sein? Keinen 40h-Job haben?
Und wie bei allem Flokseln, ich verstehe, was dahinter steckt und ein bisschen Wahrheit ist wohl auch dran. Als Studentin 3 Monate Semesterferien zu haben, ist später nicht mehr mit jedem Lebenstil vereinbar. Allerdings kenne ich zur genüge Menschen, die 3 Monate im Winter verreisen.

Was ich damit sagen will, wir sind Umgebung von der Meinung es gibt diese eine Schablone im Leben. Du kannst sie zwar mit deinen eigenen Farben ausmalen, aber das meiste ist vorgezeichnet. Schablonen zu Karriere, Beziehungen, Sex, Familie, Aussehen,...

Stelle dir vor jemand schenkt dir ein leeres Buch mit 80 weißen Seiten und jede Seite, jedes Kapitel, jedes Jahr darfst du neu gestalten!

Ich habe diese Erinnerung an meine Pubertät als Aufhänger genommen, um zu relfektieren, was für Nachrichten ich mir für junge Menschen wünsche.
Und es gibt bestimmt viele wichtige Dinge, die ein (junger) Mensch jeden Tag hören sollte.

Eines davon ist: Du bist gut so, wie du bist. Du wirst geliebt, so wie du bist.

Hinter vielen der Unsicherheiten, steckte bei mir, die Angst nicht mehr dazuzugehören, abgelehnt und verurteilt zu werden.
Eben nicht mehr so angenommen zu werden, wie ich bin.

 

Sex-positive, queer, polyamor

Diese ganzen Worte kannte ich als Teenager noch nicht. Aber die Konzepte haben sich in meinem Kopf schon erkenntlich gemacht.

Schon mit 15 hatte ich Fantasien über Beziehungen mit mehr Menschen, aber so gut ist das bei Gesprächen über Beziehungen nicht angekommen. Ich habe gespürt, dass die Ideale und konventionellen Vorstellungen von Beziehung für mich nicht stimmig waren.

Ich habe versucht mich von gesellschaftlichen Erwartungen und Normen nicht zu sehr unter Druck setzten zu lassen. Aber hatte doch Angst vor dem Urteil von anderen, und nicht zu Letzt, dem Urteil über mich selbst. Ich denke das ist alles Teil der Pubertät und ich möchte das nicht als negative Erfahrung darstellen. Vielleicht gehört das einfach dazu.

Und obwohl viele meiner Freund*innen sehr offen waren, gab es niemanden der mich und meine Beziehungsfantasien verstehen konnten. Ich habe gut überlegt, wem ich was erzähle, mit wem ich wo knutsche, damit sich Dinge nicht verbreiten wie ein Lauffeuer.

Ich wollte also keine Schlampe sein, aber noch weniger wollte ich als prüde gelten.

 

Lieber wild und offen.

Meine Auffassung, offen für Sexualität zu sein, war schwarz-weiß. Entweder bin ich offen oder nicht. Entweder knutschen wir jetzt, haben Sex und das heißt ich bin offen oder nicht und dann. . .  bin ich prüde und entspreche nicht meinem Selbstbild. Ich hatte Angst vor dem Bild der unterdrückten Sexualität. Es gab kein Mittelfeld.
Ich wollte beweisen, dass Mädchen genauso frei und entspannt sein können, wie Jungs. Jetzt verstehe ich mehr über die Komplexität und die gesellschaftlichen Prägungen, die wir zum Thema Sexualität und Geschlecht erleben.

Ich will nicht sagen, dass ich ständig Dinge gemacht habe, die ich nicht wollte. Aber ich habe mich oft unter Druck gesetzt gefühlt, etwas zu tun, weil ich „cool“ sein wollte oder nicht wusste, wie ich 'Nein' sage. Und naja, irgendwie war es ja auch aufregend.
Disclaimer: Ich will betonen, dass dieses Ausprobieren, über Grenzen gehen, Spüren Teil des Prozesses war und ist für mich meinem authentischen Selbst näher zu kommen. In keinem Fall möchte ich Grenzüberschreitungen, negative oder traumatische Erfahrungen herunterspielen!  

 

Sexpositiv - für alles zu haben?

In einem Artikel über Sexpositivität hat die Autorin des Textes beschrieben, wie ihre offene und positive Haltung ihrem Körper und Sexualität gegenüber manchmal als generelle Einladung allem und jedem gegenüber gedeutet wird. Und ja, auch das habe ich erlebt. Daher ist für mich neben einer positiven Haltung, Consent, besonders wichtig. Consent bedeutet auf deutsch Einvernehmlichkeit. Es geht darum, Klarheit darüber zu haben, dass das was zwischen dir und jemand anderem passiert, auch beide (/alle Beteiligten) wollen.
Willst du mich küssen? Kann ich deine Hand nehmen? Wollen wir kuscheln?
Willst du einen Blowjob? Darf ich dich lecken? Darf ich deinen Arsch anfassen?

Und dabei zu lernen, so deutlich wie möglich zu werden. Darf ich dich beißen? Von 1-10 wie fest? Gefällt dir das? Willst du damit weiter machen oder willst du was anderes machen?

Denn ein 'Ja' für eine Sache bedeutet kein 'Ja' für alles!

Fragenstellen, sich nicht abgelehnt fühlen, wissen was du willst - all das kannst du üben. Ich habe schon oft Consent Games gespielt. Es macht Spaß und ist wichtig Consent in Situationen zu üben, die nicht "ernst" sind, so dass das nächste Date ein bisschen leichter wird. Du hast Lust auf Consent Spiele mit mir? Finde den nächsten Termin. 

 

Das Bild der Hure

Ilan Stephanie beschreibt in ihrem Buch „Lieb und Teuer“ das Bild der Hure in unserer Gesellschaft so: Entweder wird sie als Sexsklavin oder als Sexgöttin gesehen. Und auch wenn ich Sex nicht gegen Geld tausche, erlebe ich ähnlich gespaltene Reaktionen. Die einen denken ich habe keine Selbstachtung, wenn ich nicht nur innerhalb von monogamen Beziehungen sexuelle Erlebnisse habe und die anderen heben mich in den Himmel und sind fasziniert von meiner sexuellen Freiheit.
Beides fühlt sich unangenehm und unecht an für mich.

Laut Definition aus dem Wörterbuch, bedeutet Schlampe eigentlich eine (weibliche) Person, die ein unmoralisches Leben führt.

Jetzt studiere ich Philosophie, vielleicht weist mir das den Pfad der Moral... haha.

 

Von Scham zur Selbstbestimmung

SLUT - Keine unverantwortlichen Frauen mit wenig Selbstwertgefühl, sondern starke Menschen, die selbst über ihre Sexualität bestimmten.

Der Gebrauch und die Bedeutung von Wörtern verändert sich. Zum Beispiel stand das Wort "queer" früher für Außenseiter oder Menschen die anders sind. Es kommt von dem dt. Wort "verqueer". Die Queer-Community hat das Wort umgedeutet und sich zu Eigen gemacht. Heute steht das Wort als Sammelbegriff für Menschen, die nicht in das heteronormative, genderstereotypische Spektrum fallen. Gleichzeitig wird das Wort benutzt, um eine politische Bewegung zu beschreiben, die sich für LGBTQAI* Rechte und Visibilität einsetzt.

 

Spätestens seit „Schlampen mit Moral“, dem Buch von Dossie Easton und Janet W. Hardy über Polyamorie und offene Beziehungen, hat sich das Bild des Schlampentums sehr verändert. In ihrem Buch sprechen sie oft von "Sluthood", das Schlampentum, als eigene Kunstform, die es zu meistern gilt.

 

Was hat sexpositiv mit dem Schlampentum zu tun?

Für mich bedeutet sexpositiv nicht notwendigerweise viel und oft Sex zu haben. Sexpositiv wird oft missverstanden.
Für mich steht diese Bewegung dafür, anzuerkennen, dass die meisten Menschen mit Scham über ihren Körper und ihrer Sexualität aufwachsen. Wir fragen uns, ob wir normal sind und kommen oft zum Schluss: Eher nicht. Wie bei der ursprünglichen Definition von 'Schlampe' erwähnt, wird mit dem Wort etwas unmoralisches verbunden.

Sexpositiv statt Slutshaming.

Es gibt nicht die eine Norm. Körper und Sexualität bewegen sich auf einem sehr großem Spektrum.
Wir sind alle unterschiedlich. Und wir teilen viele gleiche Gedanken, Fantasien, Ängsten etc. Vor 5 Jahren hätte ich nicht gedacht, dass ich jemals Menschen finde, die die gleiche Vorstellung von Beziehung haben, wie ich. Und naja jetzt habe ich mehrere Menschen und eine ganze Community dazu. 🙂

Sexpositivität ist für mich eine innere Haltung.
Mir, meinem Körper und meiner Sexualität gegenüber.

 

Genauso wie einer Haltung anderen Menschen gegenüber. Ich kann nicht nur meine Sexualität, sexuelle Orientierung und Beziehungsform feiern, sondern auch die aller anderen.

Als polyamor l(i)ebender Mensch, bin ich nicht gegen die Monogamie.
Ich feier die Monogamie für alle Menschen, die sich entscheiden so zu leben und glücklich damit sind!

Ein asexueller Mensch kann genauso sexpositiv sein. Asexuell bedeutet nicht gegen Sex zu sein. Sondern kein (ausgesprägtes) Sexualbedürfnis zu haben. Da gibt es natürlich auch sehr viele Abstufungen und verschiedenste Formen.

Ich möchte deutlich machen, dass für mich hinter sexpositiv kein (neues) Ideal der sexuell befreiten und aktiven Frau steht.

Egal an welchem Punkt du gerade stehst von deiner sexuellen Reise, das ist ok.
Und du kannst jederzeit deine positive, innere Haltung dir und anderen Menschen gegenüber stärken!

Der innere Weg zu mehr Sexpositivität

Es steht eine rießen Industrie hinter dem Wunsch nach Schönheit und Selbstwert. Jede Kosmetik- und Modewerbung will dir vermitteln, wenn du dieses Produkt kaufst, dann bist du endlich schön genug. Aber dieser Zustand wird nie durch äußere Faktoren erreicht werden.
Zufriedenheit und das Gefühl gut und schön zu sein, so wie du bist, wird sich nur von Innen einstellen können.

Dabei spielen natürliche auch äußere Faktoren eine Rolle, keine Frage.
Doch dieser Zustand von innerem Frieden, Freundschaft mit dir und deinem Körper, kann dir keine Creme oder neues fancy Produkt erschleichen.

Musst du auf diese Produkte verzichten? - Nein, auch das nicht. If you want it, go for it.
Doch Aussehen oder materielle Güter ersparen dir nicht die innere Arbeit mit dir.

Kleide dich so, wie du willst.
Schmink dich oder nicht.
Rasier dir die Beine, Achseln, dein Gesicht oder nicht.
Probier es aus.
Spiel damit.
Wie fühlt es sich an?
Macht es, weil du es willst.

Komme bei dir im Inneren an.
Was macht dich aus als Mensch?
Was magst du als Person an dir?
Was kannst du gut? Wofür schätzen dich andere Menschen?

"Kleider machen Leute"? - Am Ende ziehen wir uns doch eh alle aus.

 

 

Scheiß auf die Erwartungen der Gesellschaft.

Fick wen du willst, wann du willst und wie du willst.

Es ist dein Körper. Es ist deine Sexualität. Es ist dein Leben.

 

Egal, ob du einen, zwei, fünzig oder niemanden an deine Pussy* lässt – es sollte deine Entscheidung sein. Denn egal ob 15 oder 50, es fühlt sich nie gut an, für deine Sexualität oder deinen Körper verurteilt zu werden!

*Das gilt natürlich für alle Menschen. Aber meiner Erfahrung nach werden Mädchen öfter als Schlampen bezeichnet als Jungs. Auch wenn ich Pussy schreibe, meine ich im übertragenden Sinne natürlich alle Formen von Genitalien.

Was verbindest du mit Sexpositivität?
Was sind deine Erfahrungen mit Slutshaming?
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2 Responses

  1. Matthias Herrbergius

    Hallo Cosima!

    Du machst deine Sache wirklich sehr gut *liebevolles Lächeln* Mit Sexpositivität verbinde ich Schönheit, die daher kommt, dass ich ja sage zu mir und meinem Körper, zu allem was ich bin und natürlich zu meinen Wünschen, zu meiner Sehnsucht. Sexpositivität macht uns sehr attraktiv für Menschen, die sich selbst auch sehr lieben. Ich habe das mal bei einer Frau gesehen, die gemessen an den Normen, viel zu dick sei, um schön zu sein – aber sie strahlt so eine starke Schönheit aus! Sie liebt sich und ihren Körper…
    Slutshaming…
    Dazu fällt mir ein Freund ein. Ein sehr wichtiger Freund, der mir sehr geholfen hat, mit seiner Liebe (Einige von euch werden vielleicht denken, ich hätte mit ihm geschlafen, aber das ist nicht der Fall: die Liebe, die ich meine, kann sich sexuell ausdrücken muss aber nicht: da genügt ein Blick, ein Lächeln). Derselbe Freund hat einmal den Film „Das Leben der Andern“ mit mir zusammen angesehen. Darin gibt es eine Frau, die eine Beziehung zu einem Schriftsteller hat. Ein Mann von der Stasi zwingt sie zum Sex. Dieser so liebevolle Freund verschließt sein Herz und sagt voller Verachtung „Schlampe!“.
    Was heißt das für mich und für uns alle? Sie bringen uns Liebe, aber diese Liebe ist nicht vollkommen frei von Bedingungen. So ist das jetzt. In nicht allzu ferner Zukunft beginnt mein eigenes „Schlampenleben“. Und sie werden lernen, dass wir, d.h. das ganze Beziehungsnetzwerk, entweder alle Schlampen sind oder niemand. So ist das.

    Alles Liebe Dir und Euch allen 🙂

    • Cosima

      Lieber Matthias,

      danke für deinen Einblick in deine Gedankenwelt.
      Sehr schön zu lesen <3
      Cosima

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